Die Mechanik der Haltekraft

Ein Anker haelt, indem er sich in den Meeresgrund eingraebt und einem horizontalen Zug widersteht. Zwei Dinge halten diesen Zug horizontal: das Gewicht der Kette, das eine Kettenliniekurve bildet, und ein ausreichend langer Kettenvorstopp, damit der Winkel der Leine am Anker flach bleibt. Wenn eine dieser Bedingungen wegfaellt, hebt sich der Ankerschaft, die Fluegel drehen sich aus dem Untergrund heraus, und der Anker kippt aus.

Seitenansicht-Diagramm, das zeigt, wie das Vorstoppverhaeltnis den Zugwinkel am Anker bestimmt: 7:1 ergibt einen nahezu horizontalen Zug, waehrend 3:1 den Schaft anhebt
Bei 7:1 Kettenvorstopp in 5 m Tiefe mit 1 m Freibord betraegt der Zugwinkel am Anker etwa 8 Grad. Bei 3:1 steigt er auf rund 18 Grad. Die meisten Anker heben zwischen 20 und 30 Grad aus.

Die Zahlen sind aufschlussreich. Angenommen, man ankert in 5 m mit 1 m Freibord: die Leine laeuft von 6 m ueber dem Meeresgrund. Bei 7:1 Kettenvorstopp hat man 42 m Leine ausgelegt, was einen Zugwinkel von arctan(6/42) = 8 Grad ergibt. Nahezu horizontal. Bei 3:1 hat man 18 m ausgelegt: arctan(6/18) = 18 Grad. Der Schaft beginnt bereits, sich anzuheben. Eine Boe, die die Last schlagartig erhoet, kann diesen Winkel leicht ueber 25 Grad treiben und den Anker ausheben.

Windlast und der quadratische Zusammenhang

Die Windkraft auf ein Boot skaliert mit dem Quadrat der Windgeschwindigkeit. Das ist der Zusammenhang, der die meisten ueberrascht. Ein Boot, das bei 20 Knoten bequem vor Anker liegt, spuert bei 40 Knoten die vierfache Kraft, nicht die doppelte. Der Anker und die Leine, die den Nachmittag problemlos gehalten haben, koennen um Mitternacht, wenn der Wind sich verdoppelt hat, nahe an ihrer Grenze sein.

Ungefaehre Windlast auf einen 12-Meter-Einrumpf auf offenem Wasser:

  • 15 Knoten: 200 bis 300 kg Last auf dem Anker
  • 25 Knoten: 500 bis 700 kg
  • 35 Knoten: 1000 bis 1400 kg
  • 40 Knoten: 1400 bis 2000 kg

Diese Werte variieren je nach Masthöhe, Sprayhood, Bimini und Kajuetaufbau. Ein Katamaran oder ein hochbordiges Motoryacht liegt deutlich hoeher. Die entscheidende Erkenntnis: was bei 20 Knoten gehalten hat, muss bei 30 nicht mehr halten. Den Kettenvorstopp fuer die schlimmste vorhergesagte Boe planen, nicht fuer den Durchschnitt.

Haltekraft nach Untergrundtyp

Ein gut gesetzter moderner Schaufelanker (Rocna, Spade, Mantus) in festem Sand kann eine Haltekraft vom 8- bis 12-fachen seines Eigengewichts entwickeln. Derselbe Anker auf anderen Untergründen:

  • Fester Sand: 8 bis 12x Ankergewicht. Hier glaenzen die meisten Anker.
  • Weicher Schlamm: 4 bis 8x. Tiefes Eindringen hilft, aber der Boden bietet pro Flaeche weniger Widerstand.
  • Seegras, Kelp und Posidonia-Wiesen: 0 bis 2x. Der Anker gleitet ueber die Matte, ohne selten bis zum Sand darunter durchzudringen. Das ist der gefaehrlichste Untergrund fuer Schleicher.
  • Fels und Koralle: 1 bis 3x, fast ausschliesslich durch Verhaken statt durch Eingraben. Ein verhakter Anker kann gut halten, bis er sich ploetzlich ohne Vorwarnung loest.
  • Harter Lehm: 3 bis 6x. Anker koennen in hartem Lehm lange brauchen, bis sie greifen, und bissen moeglicherweise ueberhaupt nicht, wenn die Spitze die Kruste nicht durchdringen kann.

Die vier Ursachen mit echten Beispielen

1. Zu wenig Kettenvorstopp

Die haeufigste Ursache. In ruhigen Bedingungen fuehrt sie selten zu sofortigem Schleichen, genau deshalb wird sie nicht hinterfragt, bis sich die Bedingungen verschlechtern.

Szenario: ruhiger Abendankerplatz, Anker bei 5:1 in 4 m gesetzt. Nachts frischte der Wind auf 28 Knoten auf. Das Boot surgt bei jeder Boe zurueck. Die Kette streckt sich, der Zugwinkel steigt ueber 20 Grad, der Schaft hebt an, und der Anker dreht und rutscht 30 m rueckwaerts, bevor er sich in einer anderen Ausrichtung neu setzt. Die GPS-Spur zeigt, dass die Auslenkung ueber etwa 8 Minuten sehr langsam beginnt: zunaechst langsam, dann schneller, da der Anker bei jeder Surge mehr Sand verliert. Ein Ankeralarm mit einem Radius von 30 m erfasst ihn innerhalb der ersten 3 bis 4 Minuten.

Die Loesung: echten Kettenvorstopp einsetzen. Mindestens 5:1 fuer ruhige Uebernachtbedingungen mit Vollkette; 7:1 oder mehr, wenn Wind erwartet wird oder wenn Leine-Kette-Kombination verwendet wird. Von der Bugklampe bis zum Meeresgrund messen und den erwarteten Tidenhub hinzuaddieren.

2. Der Anker hat sich nie richtig gesetzt

Ein Anker, der gesetzt aussieht, ist nicht immer gesetzt. Wenn das Boot nicht kraftvoll rueckwaerts gefahren wurde, oder wenn der Anker auf Trümmer oder einen Seegrasfleck gefallen ist, kann er an der Oberflaechenliegen statt darin einzugraben.

Szenario: das Boot treibt auf einen Kelpfleck zurueck. Der Anker landet auf der Matte, die Crew beobachtet die Kette, sieht sie straff werden, und nimmt an, dass der Anker sitzt. Leichte Luft am Abend, und das Boot haelt problemlos. Um 23:00 Uhr setzt die Seebrise mit 18 Knoten ein: der Anker hebt sich vom Seegras, und das Boot ist 60 m von der urspruenglichen Position entfernt, bevor die erste Person aufwacht. Die GPS-Spur zeigt etwa 25 Minuten lang ein langsames, aber kontinuierliches Treiben, bevor der Alarm ausgeloest worden waere.

Die Loesung: jedes Mal kraftvoll einsetzen. Motorschub achteraus anwenden, innerhalb von 30 Sekunden auf etwa 1500 U/min aufbauen, und mit einer festen Peilung oder dem GPS bestaetigen, dass das Boot unter Last wirklich still steht. Falls man sich noch bewegt, aufholen und neu versuchen. Ein richtig gesetzter Anker in gutem Untergrund haelt das Boot gegen vollen Rueckwaertsschub: der Motor gibt auf, bevor der Anker es tut.

3. Winddrehe reisst den Anker heraus

Das ist die Ursache fuer mehr Notfaelle mitten in der Nacht als jede andere, denn es kann einem Anker passieren, der perfekt gesetzt war und den ganzen Abend gehalten hat.

Szenario: um 21:00 Uhr geankert, Anker fest im Sand gesetzt, Boot zeigt Nordwest in die Abendbrise. Der Wind dreht bis 03:00 Uhr um 150 Grad nach Nordost. Das Boot schwingt herum. Jetzt wird der Anker aus einer Richtung belastet, aus der er nie belastet wurde. Die meisten CQR- und Delta-Pfluganker setzen sich nach einem Seitenzug nicht neu: sie kippen auf die Seite und springen durch den Sand. Neugerations-Schaufelanker (Rocna, Spade, Mantus) haben einen Rollbuegel oder eine ballastierte Spitze, die sie aufrichten und neu setzen laesst, und das gelingt in der Regel. Aber kein Anker setzt sich bei jedem Winkel zuverlaessig neu. Eine GPS-Spur, die beginnt, einen langsamen Bogen vom Zentrum wegzuzeigen, ist das Signal: der Anker hat sich waehrend des Schwingens geloest und hat sich nicht neu eingegraben.

Die Loesung: Ankerplaetze waehlen, die vor allen vorhergesagten Windrichtungen Schutz bieten, nicht nur vor der aktuellen. Pruefen, was der Wind um 02:00 und 06:00 Uhr macht. Wenn eine Drehung vorhergesagt ist, entweder eine Bahama-Moor verwenden (zwei Anker 180 Grad auseinander gesetzt, um das Schwingen zu begrenzen), oder grosszuegigen Kettenvorstopp setzen und akzeptieren, dass man moeglicherweise neu ankern muss, wenn der Anker in der neuen Richtung schleicht. Eine Ankerwache sagt sofort, ob das Schwingen einen echten Schleicher erzeugt oder nur normale Bogenbewegung ist.

Draufsicht-Diagramm: Boot schwingt 150 Grad, als der Wind nachts dreht. Urspruengliche Ankerposition gezeigt, mit der Schleichspur, die beginnt, als der Anker sich in der neuen Richtung nicht neu setzt
Eine 150-Grad-Winddrehe setzt den Anker einer voellig neuen Lastrichtung aus. Wenn er sich nicht neu setzt, verlaesst die Schleichspur den urspruenglichen Bogen und laeuft bestaendig in eine Richtung.

4. Kette haeuft sich auf dem Anker in flachem Wasser

Das ist kontraintuitiv und trifft Segler, die den Kettenvorstopp kennen, aber in sehr flachem Wasser ankern.

Szenario: in 2,5 m mit Vollkette geankert. 20 m Kette ausgelegt, was fast 8:1 entspricht und hervorragend aussieht. Aber das Boot hatte kaum Platz, zurueckzutreiben, bevor die Kette gespannt war. Das Ergebnis: 12 m Kette liegen in einem Haufen direkt auf dem Anker. Das Kettengewicht drueckt auf den Schaft und bedeckt die Fluegel, was den Anker daran hindert, sich richtig einzugraben. Jede krachende Surge streckt die Kette, hebt den Haufen an, und der Anker hat keinen Widerstand im Untergrund. Das Boot kann auf einem scheinbar grosszuegigen Kettenvorstopp schleichen.

Die Loesung: in sehr flachem Wasser funktioniert manchmal weniger Kette besser als mehr. Wenn die Tiefe unter 3 m liegt und Vollkette verwendet wird, 8 bis 10 m Nylonleine zwischen Kette und Winsch einsetzen, um dem System etwas Elastizitaet zu verleihen und sicherzustellen, dass die Kette am Boden ausgestreckt liegt statt sich aufzuhaeufen. Alternativ nach dem Fallen langsam rueckwaertsfahren, um die Kette in einer Linie auszulegen.

Illustration, die zeigt, wie sich Kette in flachem Wasser auf dem Anker aufhaeuft und die Fluegel daran hindert, sich einzugraben
In sehr flachem Wasser mit Vollkette kann sich die Kette direkt auf dem Anker aufhaeufen, bevor das Boot weit genug zurueckgetrieben ist, um sie zu belasten. Der Anker sitzt unter dem Haufen begraben, kann sich nicht richtig eingraben, und jede Surge hebt den Haufen an und laesst nichts haelten.

Ein kleiner Schleicher bleibt beherrschbar

Die GPS-Spur eines schleichenden Ankers hat eine charakteristische Form: eine langsame, kontinuierliche Bewegung in eine Richtung, die sich allmaehlich beschleunigt, da der Anker mehr Bodenkontakt verliert. Anchor Alarm Pro ueberwacht diese GPS-Spur kontinuierlich und loest einen lauten Alarm aus, sobald das Boot den sicheren Kreis verlaesst, normalerweise innerhalb von 2 bis 4 Minuten nach Beginn des Schleichers. Dieses Zeitfenster ist der Unterschied zwischen Motor starten und auf Position zurueckfahren, und dem Aufwachen am Luvufer. Vor dem Schlafen einschalten. Es ist kostenlos, benoetigt kein Konto und laeuft im Hintergrund mit ausgeschaltetem Bildschirm.

Das Muster hinter allen vier Ursachen

Jedes Schleich-Szenario hat dieselbe Struktur: eine Bedingung, die zum Zeitpunkt des Ankerns ausreichend schien, wurde unzureichend, als sich die Verhaeltnisse aenderten. Der Wind frischte auf, drehte, oder der Untergrund erwies sich als anders als erwartet. Der Anker war das letzte Element eines Systems, das einem Belastungstest unterzogen wurde, und er bestand diesen Test nicht.

Die praktische Antwort ist nicht Paranoia, sondern Vorbereitung: Kettenvorstopp fuer die schlimmsten erwarteten Bedingungen setzen, nicht fuer den Durchschnitt. Jedes Mal kraftvoll einsetzen und mit dem GPS bestaetigen. Den Untergrundtyp pruefen, bevor man den Anker fallen laesst. Und eine Wache laufen lassen, waehrend man schlaeft, damit ein Schleicher, der mit 4 m pro Minute beginnt, nicht zu einem 200-m-Problem wird, wenn man aufwacht.

Dies sind allgemeine Seemannsschaftshinweise, kein Ersatz fuer das eigene Urteilsvermoegen, Ortskenntnisse und eine ordentliche Wache. Bedingungen und Untergründe variieren erheblich.