Schritt 1: Wettervorhersage vor der Ankunft pruefen
Das Wichtigste ist nicht der aktuelle Wind, sondern was der Wind um 2:00 Uhr und um 6:00 Uhr morgens macht. Eine Bucht, die gegen den suedwestlichen Nachmittagswind perfekt geschuetzt ist, kann bei einer noerdlichen Winddrehung ueber Nacht voellig offen liegen. Eine Vorhersage mit 12 Knoten um 18:00 Uhr und 28 Knoten um 3:00 Uhr morgens ist keine ruhige Nacht: Es ist eine Nacht, die einen ueberrumpelt, wenn man die Schlaglänge auf die 12 Knoten ausgerichtet hat.
Worauf zu achten ist:
- Winddrehung: Bleibt der gewaehlte Ankerplatz bei allen vorhergesagten Richtungen geschuetzt?
- Boenstärke in der Nacht: Schlaglänge fuer die staerkste Boe einstellen, nicht fuer den Durchschnitt.
- Tidenhub: Steigt die Tide um 1,5 m ueber Nacht, sinkt das effektive Schlaglängenverhältnis, ausser man hat das eingerechnet. Bei 3:1 in 5 m Wassertiefe macht ein Tidenhub von 1,5 m effektiv 3:1 in 6,5 m: dann braucht man mehr Kette ausliegen.
Zwei Quellen pruefen, wenn die Nacht wichtig ist. Windy und eine lokale Kuestenvorhersage stimmen selten genau ueberein, und der Unterschied zwischen ihnen ist die Unsicherheitsspanne.
Schritt 2: Platz sorgfaeltig auswaehlen
Schutz vor der vorhergesagten Windrichtung waehlen, nicht vor der aktuellen. Dann den vollstaendigen Schwingkreis vorstellen, den das Boot bei Winddrehungen ueber Nacht beschreibt. Raeumt jeder Teil dieses Kreises benachbarte Boote, Untiefen, Felsen und das Ufer bei Niedrigwasser? Andere Boote schleichen auch, und sie schleichen moeglicherweise nicht im gleichen Takt, wenn sie unterschiedliche Riggtypen oder Kettenlängen haben.
Meeresboden auf der Karte pruefen. Sand und fester Schlick sind gut. Seegras, Tang und Felsen sind unzuverlaessig (Details dazu in unserem Artikel Warum Anker schleichen). Ist der Grund in klarem Wasser sichtbar, verraet ein Blick ueber die Reling beim langsamen Ueberfahren des Platzes alles. Bei einem neuen Ankerplatz beobachten, wie bestehende Boote schleichen: Boote mit reiner Kette liegen kuerzer aus und schleichen weniger als Boote mit Kette und Leine.
Ausfahrt pruefen. Wenn es um 3:00 Uhr morgens aufbrisst, kann man dann sicher im Dunkeln herausmanouvrieren?
Schritt 3: Das Fallen
- Langsam ueber den Platz motoren und das Echolot auf Abweichungen von der kartierten Tiefe beobachten.
- In den Wind oder gegen den Strom drehen, je nachdem was staerker ist. Zum Stillstand kommen.
- Den Anker vom Buganker kontrolliert herunterlassen. Nicht werfen: Werfen haeuft die Kette ueber dem Anker auf und verhindert, dass er sich setzt.
- Das Boot natuerlich zuruecktreiben lassen, waehrend man das Rigg gleichmaessig aussteckt. Die Kette soll hinter dem Boot in einer Linie ausliegen, nicht unter dem Bug aufhaeufen.
- Wenn die geplante Schlaglänge ausliegt, die Kette sanft an der Ankerwinde stoppen und fuehlen, wie die Last kommt.
Schritt 4: Schlaglänge fuer die Nacht einstellen
Die Schlaglänge ist das Verhältnis von ausgelegtem Rigg zur Tiefe, gemessen vom Bugroller (Tidenhub fuer Uebernachtankerer hinzurechnen).
- Reine Kette, ruhige Vorhersage: Mindestens 5:1, 6:1 komfortabel.
- Reine Kette, Wind oder Boen erwartet: 7:1 oder mehr.
- Kette und Leine: Mindestens 7:1 ueber Nacht, mehr bei jedem Wind.
In einem vollen Ankerfeld, wo 7:1 das Nachbarboot gefaehrden wuerde: auf 5:1 gehen und das durch einen Anker der naechsten Groesse ausgleichen, wenn moeglich, oder akzeptieren, dass man gelegentlich nachschaut. Kurze Schlaglänge in einem vollen Ankerfeld ist eine Einzelfallentscheidung, keine Empfehlung.
Schritt 5: Anker einfahren
Mit ausgelegter Schlaglänge den Motor in den Rueckwaertsgang legen und ueber 20 bis 30 Sekunden auf etwa 1.500 U/min erhoehen. Gleichzeitig einen festen Punkt an Land und das GPS beobachten. Kein Bewegen, waehrend der Motor den Anker belastet. 30 Sekunden halten.
Wenn das Boot langsam weiter zuruecktreibt, schleicht der Anker: hieven und erneut versuchen. Das ist kein optionaler Schritt. Ein richtig gesetzter Anker in gutem Grund haelt das Boot gegen volle Rueckwaertskraft: der Motor gibt nach, bevor der Anker nachgibt. Ein schlecht gesetzter Anker schleicht heute Nacht.
Schritt 6: Stopper riggen
Ein Stopper ist eine 5 bis 8 m lange Nylonleine (10 bis 14 mm), die mit einem Kettenhaken oder Webeleinstek an der Kette befestigt und zu einem Bugpoller gefuehrt wird. Sobald er gerigged ist, genug Kette fieren, damit der Stopper die gesamte Last uebernimmt und die Kette zwischen der Stopper-Befestigung und dem Bugroller locker haengt.
Was ein Stopper bewirkt: Nylon dehnt sich unter Last um 15 bis 20 Prozent, wodurch es die Stoeße von Boen und Wellen abfaengt, die sonst als scharfe Rucke direkt auf den Anker uebertragen wuerden. Diese Rucke sind es, die einen gut gesetzten Anker ausbrechen. Der Stopper daempft auch das Kettenrasseln am Bugroller, was bedeutet, dass man tatsaechlich schlaeft. Die Ankerwinde traegt ueber Nacht keine Last.
Schritt 7: Die ersten 20 Minuten
Nicht zum Abendessen nach unten gehen, bevor man das Boot 20 Minuten beobachtet und die GPS-Spur geprueft hat. Ein gut gesetzter Anker zeigt das Boot, das in einem kleinen Cluster von Punkten schwebt und sich kaum bewegt. Ein schleichender Anker zeigt eine langsame, kontinuierliche Bewegung in eine Richtung.
Das ist die Kontrolle, die die meisten auslassen, und die wertvollste, die man durchfuehren kann. Wenn das Boot ueberhaupt driftet, schleicht es, und der richtige Zeitpunkt, es zu bekaempfen, ist jetzt und nicht um 23:00 Uhr.
Schritt 8: Ankerwache einrichten
Wenn das Boot sich stabilisiert hat, Anchor Alarm Pro oeffnen:
- Ankerposition setzen: Den Anker-Button tippen. Die App markiert die aktuelle GPS-Position als Ankerpunkt.
- Alarmradius einstellen: Ungefaehr die Schlaglänge plus eine Bootslänge plus einen Puffer verwenden. Eher grosszuegig sein. Ein Radius von 30 m in einem 5 m tiefen Ankerplatz bei 7:1 Schlaglänge (35 m Kette) ist vernuenftig. Ein Radius von 20 m erzeugt Fehlalarme durch normales GPS-Wandern.
- Benachrichtigungen aktivieren: In den Telefoneinstellungen bestaetigen, dass Anchor Alarm Pro Benachrichtigungen senden kann, wenn der Bildschirm aus ist. Das ist es, was einen weckt.
- Alarm testen: Die App ermoeglicht eine simulierte Schleichwache, oder man kann zur Alarmradius-Grenze zurueckgehen, um zu bestaetigen, dass der Alarm ausloest.
- Telefon ans Ladegeraet haengen: GPS, das die ganze Nacht laeuft, entlaedt ein Telefon ohne Laden in 4 bis 6 Stunden. Ein leeres Telefon um 3:00 Uhr bedeutet keine Ankerwache fuer den Rest der Nacht.
Warum Telefon-GPS unter Deck oft versagt
Die GPS-Antenne eines Telefons ist ein winziger Chip, der fuer den Aussenbereich optimiert ist. In einer Kabine unterhalb der Wasserlinie, umgeben von Glasfaser, empfaengt das Telefon moeglicherweise nur 2 bis 4 Satelliten statt der 8 bis 12, die ueber Deck verfuegbar sind. Die gemeldete Position wandert 20 bis 50 m, selbst wenn das Boot still liegt. Dieses Wandern loest den Alarm aus und trainiert einen dazu, ihn zu ignorieren, was das denkbar schlechteste Ergebnis ist.
Die Loesung: dem GPS freie Sicht auf den Himmel geben.
Externes GPS: die saubere Loesung
"Ich habe einen Garmin GLO 2 auf den Navtisch gelegt, ihn an USB angeschlossen und einmal gekoppelt. Er hat sich seitdem nicht bewegt. Das Telefon verbraucht kaum Akku, weil die GPS-Arbeit 2 m entfernt von einem Geraet erledigt wird, das nie leer wird."
Garmin GLO 2 (ca. $119): Auf den Navtisch legen, auf ein Regal nahe einer Luke oder irgendwo mit teilweiser Himmelssicht. An einen USB-Port anschliessen. Per Bluetooth koppeln. Er nutzt sowohl GPS- als auch GLONASS-Satellitenkonstellation und hat damit Zugang zu mehr Satelliten als reine GPS-Empfaenger. Unter freiem Himmel typisch 2 bis 5 m Genauigkeit. Unter Deck in der Naehe einer Luke meist noch 3 bis 8 m. Im Vergleich dazu: ein Telefon in einer geschlossenen Heckkabine bei 20 bis 50 m. Einmal gekoppelt und als GPS-Quelle in Anchor Alarm Pro ausgewaehlt, nutzt die App die GLO-2-Position und faellt automatisch auf das Telefon-GPS zurueck, wenn Bluetooth ueber Nacht abbricht.
Mit 3 bis 5 m GPS-Genauigkeit kann man einen Alarmradius von 20 m einstellen und ihm vertrauen. Bei 30 m Telefon-GPS-Wandern braucht man einen Radius von 60 m, um Fehlalarme zu vermeiden, was schon das Nachbarboot ueberlappen koennte, bevor der Alarm ausloest. Der Preisunterschied von $119 kauft eine grundlegend nuetzlichere Ankerwache.
NMEA vom Kartenplotter: Die meisten modernen Garmin-, B&G-, Raymarine- und Furuno-Plotter senden NMEA 0183-Position ueber das Bordfunk-WLAN, entweder direkt oder ueber ein WLAN-Gateway. Das nutzt die eigene GPS-Antenne des Bootes, die in der Regel dauerhaft freie Himmelssicht von einem Deck- oder Masttopp-Mount hat. IP-Adresse und Port in den GPS-Einstellungen von Anchor Alarm Pro eingeben. Der Auto-Modus mischt diese dann mit jeder anderen aktiven Quelle.
Signal K: Wer einen Signal-K-Server betreibt (Victron Cerbo GX, OpenPlotter oder ein Raspberry Pi), Anchor Alarm Pro verbindet sich per URL damit und liest die Position, die die Bordinstrumente liefern.
Die Checkliste vor dem Schlafen
- Vorhersage noch einmal pruefen: Hat sich etwas an der Winddrehung oder Boenstärke seit dem Ankern geaendert?
- Ankerfeld ueberblicken: Hat ein Boot seit der Ankunft naeher geschwungen? Hat jemand nach einem zu nah Anker gesetzt?
- GPS-Spur bisher: enger Cluster (gutes Setzen) oder langsame Drift (nicht gut)?
- Ankeralarm: aktiv, korrekte Position, Radius vernuenftig?
- Alarmvolumen: laut genug, um durch eine geschlossene Tuer zu wecken?
- Telefon: angeschlossen und am Laden?
- Stopper traegt die Last, Ankerwinde frei?
Am Morgen
Die Uebernachtspur in der App pruefen, bevor man den Anker hievt. Eine gute Nacht zeigt sanfte Boegen um den Ankerpunkt: Das Boot hat geschwungen, als der Wind sich drehte, kehrte aber immer zum gleichen Kreis zurueck. Ein geradliniger Ausschlag, der sich umgekehrt hat, ist eine Schleichwache, die sich neu gesetzt hat: Das ist es wert zu wissen, weil es bedeutet, dass der Sitz knapp oder die Schlaglänge am Limit war.
Zeigt die Spur eine langsame, kontinuierliche Drift, die in einer anderen Position stabil wurde, hat der Anker geschleicht und sich woanders neu vergraben. Abstand und Richtung fuer zukuenftige Referenz zu diesem Ankerplatz und Meeresgrund notieren.
Kostenlose Ankerwache, laeuft im Hintergrund
Anchor Alarm Pro verbindet sich gleichzeitig mit Telefon-GPS, Bluetooth-Empfaengern und NMEA. Der Auto-Modus nutzt die genaueste Live-Quelle und wechselt sofort, wenn eine ausfaellt. Alarm vor dem Schlafen setzen und die App wacht die ganze Nacht, ob der Bildschirm an oder aus ist. Kein Konto, kein Abo.
Dies sind allgemeine Hinweise zur Seemannschaft und kein Ersatz fuer eigenes Urteil, eine ordentliche Ankerwache und Kenntnis der lokalen Bedingungen. Jeder Ankerplatz und jedes Boot ist anders.
